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Zeitzeugen zu befragen zu historischen Ereignissen ist spannend, weil Details des Akteurs die Essenz eines Bergabenteuers sind.

Viele Abende saß ich mit meinem Freund Peter Siegert zusammen; wir fachsimpelten nicht nur über die Veränderungen im Klettersport seit Beginn des Alpinismus. Highlights waren stets seine Erzählungen über die Winterdirettissima an der Großen Zinne, die Ersbegehung der Winter - Matterhorn - Nordwand und viele andere seiner alpinen Taten.

Historisch und unvergessen ist die erste Direktrettung mit einem Helikopter von Peter Siegert und Martin Biock aus der Eiger - Nordwand am 12. September 1971.

Am Donnerstag, den 9. September 1971 um 2 Uhr in der Früh, steigen Peter Siegert und Martin Biock in den Vorbau der Nordwand ein und biwakieren am gleichen Abend unterhalb der " Roten Fluh ".

Bereits 1964 hatten Peter Siegert und Werner Bittner die Nordwand versucht. Am späten Nachmittag klettert Peter den Hinterstoisser Quergang im Nachstieg. Der Fels ist vereist. Mit schweren Bergschuhen kommt Peter nur langsam vorwärts. Etwa in der Mitte des Querganges verläßt sich Peter auf eine herabhängende Schlinge. Die Hoffnung war größer als der wirkliche Zustand der Schlinge.
Ein rießiger Pendelsturz und ein wuchtiger Aufprall an einer Zacke lassen Peters Sinne schwinden.
Das Rufen des Freundes am Standplatz bleibt unbeantwortet.
Wie durch ein Wunder sind die Knochen heil geblieben. Eine Platzwunde am Kopf - mehr ist nicht.
Ein Rückzug durch den Tunnel - und die beiden Freunde sind abends wohlbehalten in der nächsten Wirtschaft.

Sieben Jahre später soll der Durchstieg gelingen.
Nachdem Peter zu einem verlorenes Steigeisen unterhalb der Fluh sehr zeitig nochmals abgestiegen war, entgleitet ihm beim Nachsteigen auch noch sein Rucksack, den er 200 m tiefer wieder holen muß.
Am Freitag erreichen sie das " Todesbiwak " oberhalb des " Bügeleisens " und stellten erst dort fest, daß ihnen beim Absturz des Rucksackes der Kocher defekt geworden war.
Da sie nur flüssige Nahrung bei sich hatten, konnten sie infolge Ausfall des Kochers keine Nahrung mehr zubereiten.

Am Samstag werden sie von einem Wettersturz überrascht. Den ganzen Samstag schneit es und tagsüber ist es in 3500 m Höhe um die -6°C. Beide hoffen anfänglich noch, den Gipfel zu erreichen, sehen aber schnell ein, ohne Nahrung dem sicheren Tod entgegenzuklettern.

Am Samstag Nachmittag rufen sie um Hilfe. Die Rufe werden unabhängig von 2 Touristengruppen gehört und dem Hotelier Fritz von Almen auf der Scheidegg, einem der besten Kenner der Eiger - Nordwand, gemeldet.

Von Almen entsendet sofort einen Bergführer an die Wand, die immer noch in dichtem Nebel und Schneetreiben lag.
Schon auf seine ersten Rufe erhielt er aus der Wand eine Antwort und hat diese rein gehörmäßig auf das Bügeleisen lokalisiert.
Sofort wurde der SAC - Rettungschef von Grindelwald, Kurt Schwendener, benachrichtigt, der seinerseit die Schweizerische Rettungsflugwacht von der Situation in Kenntnis setzte.

Eine Rettungsaktion wurde für Sonntag in Aussicht genommen. Die Wettervorhersage der Flugwetterzentrale in Kloten war negativ. Jede fliegerische Aktion sei am Sonntag in der Umgebung der Eiger - Nordwand absolut unmöglich und ausgeschlossen.

Eine erneute Prognose Sonntag früh war nicht besser.
Trotzdem setzte sich der Einsatzleiter der Rettungsflugwacht mit dem Piloten G.Amann des in Interlaken stationierten SRWF - Helikopters " Alouette 315 Lama " in Verbindung und gab ihm die Anweisung, nach der Kleinen Scheidegg zu starten, sobald es die Sichtverhältnisse erlaubten.

Mit einer Sicht von etwas mehr als 100 m startete der Pilot Richtung Kleine Scheidegg. Dort befanden sich bereits mehr als 20 Bergführer aus Grindelwald und Lauterbrunnen in Bereitschaft, um vom Stollenloch aus in das Geschehen eingreifen zu können, wenn sich ein Flugeinsatz als unmöglich erweisen sollte.

Dank den Versuchen, die anläßlich des 2. Internationalen Helikopter - Symposiums 1970 durchgeführt wurden, indem man Bergführer an mehreren Stellen der Eiger - Nordwand absetzte und wieder aufnahm, wagte sich der Pilot Amann trotz schlechter Sicht an die Wand.

Ganz unerwartet zeigte sich eine 100 m nebelfreie Zone, in die der Pilot mit seiner Alouette die Wand senkrecht hinauf steigen konnte.

Siegert und Biock wurden am oberen Rand des 2. Eisfeldes gesichtet. Sie hatten das Todesbiwak verlassen und waren unglücklicherweise vom Bügeleisen 2 Seillängen auf das 2. Eisfeld abgestiegen, was die Bergung erschwerte.

Der Bergführer R.Kaufmann wurde mit der Seilwinde aus dem sich bis auf etwa 2 m der Wand nähernden Helikopters abgeseilt. Bereits 2 Minuten später wurde Biock zur Kleinen Scheidegg abtransportiert.
Sofort startete der Pilot wieder, um Siegert zusammen mit dem Bergführer zu holen.
Peter erinnert sich intensiv daran, wie er gerettet am Stahlseil nach ein paar Metern in der Luft den gesamten Gipfelgrat in der aufblitzenden Sonne erleben durfte.

Die ganze Rettungsaktion dauerte nicht länger als 1 Stunde.

Damals kostete eine klassische Bergung aus der Eiger - Nordwand etwa 26.000 SF.
Die Rettung mit dem Helikopter dagegen belief sich für Siegert auf etwas mehr als 1.300 DM.



Peter Siegert am Fuße des Eiger 1971